blanked blanked blanked

Spracherwerb im Brennpunktkiez: Wenig Chancen für Migrantenkinder

 

Ausgangslage im Brennpunktkiez

Schulen im Soldiner Kiez und dessen Umfeld machen oft eine engagierte Arbeit, um Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund bestmöglich zu fördern. Ganztagsschulen wurden eingerichtet, Sprachförderstunden ausgewiesen, spezielle Profile an einzelnen Schulen entwickelt, externe Projekte wurden in die schulische Arbeit integriert. Doch reichen die Ressourcen der Schulen nicht aus, grundlegende Probleme des Sprach- und Bildungserwerbs zu lösen, die sich durch die soziale Struktur des Kiezes, mangelnde Bildungsvoraussetzungen vieler Eltern, Sprachbarrieren und kulturell tradierte Geschlechterrollen ergeben.

 

Fehlende Begrifflichkeiten, fehlendes “Weltwissen”

Das Wohnumfeld vieler Schüler ist nicht förderlich für den Erwerb von Bildung. Die Wohnverhältnisse in armen Familien sind beengt, der Haushalt und eine große Kinderschar erfordern die volle Arbeitskraft der Mutter, es gibt viel Ablenkung durch die Geschwister, der Vater arbeitet und ist häufig nicht anwesend oder nicht ansprechbar. In der Familie werden Situationen selten sprachlich begleitet, Probleme nicht verbal erläutert oder diskutiert. Nachfragen der Kinder stören eher. Die familiäre Kommunikation wird gelegentlich durch Fernsehberieselung oder Spielkonsolen ersetzt. Oft wird in sozial schwachen Familien wenig vorgelesen, wenig unternommen, wenig erklärt. Allgemeinbildung hat häufig keinen großen Stellenwert. Auch in der nichtdeutschen Muttersprache ist der Wortschatz deshalb wenig ausgeprägt, Begriffe für Dinge außerhalb der direkten Alltagswelt fehlen. Ähnliches lässt sich übrigens auch von deutschen Kindern aus sozial benachteiligten Schichten sagen, allerdings ist für Sie zumindest Deutsch noch die Muttersprache.

So ist vielen Kindern im Wedding zum Beispiel die Welt des Bauernhofes bei der Einschulung fremd, da sie im Großstadtviertel kaum vorkommt. Begriffe wie Kücken, Euter oder Mähdrescher sind nicht bekannt. Ein weiteres Beispiel: Viele Grundschüler kennen und benutzen zwar das Wort „Vogel“, sie haben aber häufig keine Wörter für „Meise“, „Habicht“ oder „Specht“, auch nicht in türkisch oder arabisch. Viele kennen diese Tiere gar nicht. Sie wurden nicht zuhause in einem Bilderbuch benannt und erläutert.

 

Fehlendes deutsches Sprachbad

Schüler im Soldiner Kiez werden häufig in einem Umfeld sozialisiert, das die Herkunftssprache spricht. Das trifft wegen der entwickelten türkischsprachigen Infrastruktur vor allem auf die zahlenmäßig stärkste Zuwanderungsgruppe aus der Türkei zu. Arztbesuche, Einkäufe im türkischen Supermarkt, Bankgeschäfte, Restaurantbesuche, sogar die Führerscheinprüfung können inzwischen auf Türkisch abgewickelt werden. Der Medienkonsum findet in den Familien in der Regel auf Türkisch statt. Weit über die Hälfte der türkischen Ehepartnerinnen stammt aus der Türkei, die Muttersprache der Kinder bleibt somit  Türkisch. Deutsch ist in jeder Generation wieder eine fremde Sprache.

Selbst wenn im familiären oder freundschaftlichen Umfeld versucht wird, auf Deutsch zu kommunizieren, handelt es sich dabei oft um ein reduziertes Deutsch, ohne Artikel oder Präpositionen, mit eingeschränktem Wortschatz. Dieser Jargon wird an Schulen innerhalb der Schülerschaft ebenfalls gepflegt. Die einzigen muttersprachlichen Sprachvorbilder in Deutsch sind oft die Lehrer, die teilweise gar nicht verstanden werden.

Da wenig in den Familien gelesen wird, sind die Kinder kaum auf Texte vorbereitet. Die komplexe deutsche Schriftsprache in den Fächern stellt viele Schüler vor unüberwindbare Hindernisse, schon beim Lesen, aber erst recht beim schriftlichen Ausdruck. Unter diesen Bedingungen einen versierten Fachwortschatz und eine eloquente Ausdrucksweise auf Deutsch zu erwerben, verlangt von den Schülern fast übermenschliche Anstrengungen. Tatsächlich sind die meisten türkischstämmigen Schüler, die sehr gut Deutsch sprechen, in bilingualen Familien oder in sprachlich deutsch orientierten Kita-Gruppen und Schulklassen sozialisiert worden.

 

Doppelhürde Sprachverständnis und Fachinhalte

Die Fachinhalte, seien es die in Mathematik, Geschichte oder in Biologie, stellen schon für deutschsprachige Kinder und Jugendliche eine große kognitive Herausforderung dar. Kinder- und Jugendliche mit Migrationshintergrund müssen aber mit der doppelten Schwierigkeit leben, diese komplexen Fachinhalte in einer fremden Sprache zu lernen und wiederzugeben. An dieser Doppelhürde scheitern sie häufig. Die Bildungsinhalte vermitteln sich sprachlich in der ungewohnten Schrift- und Fachsprache in keinem Fach mehr. Da die Inhalte aufeinander aufbauen, nimmt das Unverständnis im Lauf der Schuljahre sogar zu. Der Frust des Nicht-Verstehens führt entweder zur Aneignung von Verdeckungstechniken (Abschreiben, stumpfes Auswendiglernen ohne Verständnis der Inhalte, Raten, andere eigene Aufgaben schreiben lassen), zu Störungen oder zum Ausklinken aus dem Lernprozess.

Julian-Gruppe

 

Ein Schüler des fünften Schuljahres sollte beispielsweise in einer Nachhilfestunde im Medienhof die Ladung eines LKWs in Kilogramm ausrechnen, der mit und ohne Ladung gewogen wird. Der Fünftklässler war nervös, wollte nach Hause und meinte, er „hasse“ Mathe. Dann stellte sich heraus: Er konnte die Aufgabe nicht lösen, da er nicht wusste, was eine Ladung („In der Pistole?“) oder ein LKW ist, bzw. konnte er nicht das unregelmäßige Verb „gewogen“ von „wiegen“ ableiten. Nach der sprachlichen Erläuterung der Aufgabe rechnete der Junge die Subtraktionsaufgabe selbstständig und problemlos aus. Er war im Fach Mathematik nicht an mangelnder Rechenfähigkeit, sondern an der deutschen Sprache gescheitert.

 

Resumee

Die Beispiele haben deutlich gemacht, dass die üblichen Methoden der Schulen in Berliner Innenstadtbezirken zum Bildungs- und Spracherwerb oft nicht mehr ausreichen. In sozial schwachen Stadtgebieten mit sprachlichen Integrationsproblemen ist eine zusätzliche Unterstützung der Schüler angeraten. Die sprachlichen Probleme müssen von der Kita an erkannt und behoben werden. Ein kontinuierlicher Sprachaufbau in Deutsch muss das fachliche Lernen in der Grundschule und der Oberschule begleiten. Dabei geht es nicht alleine um den Aufbau von Fachwortschatz, sondern auch um das kontinuierliche mündliche und schriftliche Einüben sprachlicher Strukturen. Bildungsinhalte müssen aus den Texten herausgelesen werden können, die Schüler sollten in der Lage sein, sich schriftlich verständlich und korrekt zu äußern. Das klingt banal, im Frühjahr 2009 haben jedoch alle Schulleiter im Berliner Bezirk Mitte in einem Brandbrief angegeben, dass ihre Schulen der Kernaufgabe der Bildungsvermittlung unter den herrschenden Bedingungen nicht mehr nachkommen können. Die individuelle Sprach- und Bildungsförderung Sprint ist in diesem Rahmen eine erfolgreiche und notwendige Ergänzung, angesichts der Probleme aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

blanked blanked blanked blanked blanked blanked blanked blanked blanked